Lass uns kurbeln!
Wenn ich Besuch zu mir einlade, dann ist “man” erstmal überrascht über meine Wohnzimmer-Einrichtung. Leise Stimmen rieten mir sogar schon, einen Innenarchitekten zu beauftragen. Hier stammt nämlich nichts von Ikea & Co, sondern Erbstücke meiner Oma zieren das gute Zimmer. Das sieht vielleicht auch alles nicht so gut aus, dafür stimmt die Qualität und vor allem auch die Funktionalität. Mittendrin steht er nämlich.
Er, das ist ein solider, großer, brauner höhenverstellbarer Wohnzimmertisch mit Kurbel. Und immer, wenn ich das sage oder immer, wenn ihn jemand sieht, dann kommt der gleiche Satz: “Den hatte meine Oma auch!”. Wenn ich diese empirische Studie jetzt mal in Prozent ausdrücken sollte, dann würde ich sagen: 99,9% aller Großeltern hatten einen solchen Kurbeltisch! Wie, wo und warum ist also diese Kurbel im Laufe der Zeit abhanden gekommen? Warum sind Couchtische mittlerweile so niedrig, dass man nicht einmal mehr vernünftig daran essen oder spielen kann - von Größenänderungen mal ganz zu schweigen? Warum können Handys immer mehr und Tische immer weniger? Vielleicht weil “der gute alte Tisch” gar nichts mehr können muss, ausser “Tisch sein” und als Abstellmöglichkeit für Kerzen zu dienen (wobei ja auch hier die Adventskranz-DVD den Tisch überflüssig macht).
Und was hat dieser Tisch alles mitgemacht? Da ist man als Kind drunter und drauf geklettert und musste feststellen, dass der Tisch doch immer das härtere Holz hatte, wenn man den Kopf mal etwas eher als angeraten gehoben hat. Mein Opa hat Tausende von Skat-Partien an diesem Tisch gespielt, ich selbst hab meine Groschen beim “Schwimmen” unter die Leute gebracht. Oma legte derweil eine Tafel Schokolade drauf, um unsere Nerven zu beruhigen. Unzählige Mahlzeiten wurden an dem guten Stück gegessen, da er als “Ausweichtisch” oder auch “Kindertisch” bei Geburtstagen eingesetzt wurde. Wenn man das erste Mal an den anderen Tisch gesetzt wurde, wusste man: Jetzt ist man alt. Das übrigens ist glaube ich immer erst dann eingetreten, wenn man selbst verheiratet war, denn irgendwie war man ja dann auch erst erwachsen und im Übrigen hatte selbst der Haupttisch eine Kurbel. Jawohl.
Es wird mir jedenfalls schwer fallen, mich irgendwann einmal von dem erinnerungsreichen Tisch zu trennen. Ich kann mir jedenfalls keinen praktischeren Wohnzimmertisch vorstellen.
Der Roger sagt,
5. November 2007 @ 23:15 Uhr
Meine Oma hat (!) übrigens auch einen. Der Satz “Warum können Handys immer mehr und Tische immer weniger?” ist so genial, den sollte man auf T-Shirts drucken.
Alex sagt,
6. November 2007 @ 08:23 Uhr
Bei mir wäre der Satz “Den hatten meine Eltern” (bin ich jetzt schon eine andere Generation) und das gute Stück steht mittlerweile bei mir im (Larp-)Zimmer. Die Funktion ist auch immer noch genial, runter gekurbelt für gediegenes Tafeln und hoch für Basteleien.
Frau Schmitz sagt,
6. November 2007 @ 08:50 Uhr
Cool - Den hatten meine Großeltern auch!
Die Oberfläche war irgendwie in der Mitte verkachelt.
Baumer sagt,
6. November 2007 @ 13:51 Uhr
Den Satz „hatten meine Großeltern auch“ kann ich auch nur so bestätigen. Ich stelle gerade fest, wie sehr ich just in diesem Moment so einen Tisch haben will … das Schlimme hierbei: in der Wohnung, in die ich eingezogen bin, stand vorher so ein Tisch (Tischplatte: dunkler Holzrahmen mit hellen Kacheln) – den ich auf den Sperrmüll gepackt hatte *grmpf*
Jetzt habe ich einen IKEA-Tisch, der gerade mal nen halben Meter über den Boden ragt. :-/
Ich überlege, wieso man heute sowas nicht mehr so normal bekommt?! Vielleicht weil man heute _mehr hat_? Früher hatte man keine Küche, Arbeitszimmer, Esszimmer, Wohnzimmer, sondern hat an diesem einen Tisch in dem einen großen Raum der Wohnung gearbeitet, gegessen, etc. Deshalb musste er universal sein?! … Klingt für mich zumindest ganz plausibel die Erklärung – trotzdem sollte IKEA sowas in Sortiment aufnehmen. *G*
meh sagt,
12. November 2007 @ 21:34 Uhr
Verdammt, warum kenne ich das nicht ?!? Klingt super praktisch. Meine Oma hatte KEINEN Kurbeltisch. Dafür hatte der Tisch an der einen Seite einen HEBEL und man konnte ihn mindestens drei Mal ausziehen, was ihn auf eine Länge von geschätzten 20 Metern brachte!
Auch ein toller und sehr solider Tisch.
Porschi sagt,
23. November 2007 @ 23:10 Uhr
Ich bin auch gerade am Forschen. Wir brauchen auch einen verstellbaren Couchtisch, an dem man z.B. zu Geburstagen vernünftig essen kann. Der Küchentisch reicht nur für 4 Personen und wäre vor der Couch zu hoch. Die Couchtische sind heute alle zu niedrig. Das einzig praktische, was es zur Zeit gibt, sind diese Kunststoffnachbildungs-Kurbel- und Ausziehtische alla Otto-Versand und Co. Wir sind aber eher so Landhausfans und mögen am liebsten Echtholzmöbel mit Fräsarbeiten. Aber die Kurbeltische gibt es einfach nicht in Echtholz und falls doch, dann mit so furchtbar häßlichen Wangen. Ich bin also am Überlegen einen Couchtisch selbst zu bauen mit 4 Beinen so ca. 45 cm hoch und im Querschnitt quadratisch (8×8 cm). Dann jeweils zwei Beine an den kurzen Enden des Tisches oben mit einer Art Kantholz verbunden, und darauf eine Tischplatte (natürlich angefasst und aus Echtholz) oben drauf. Die Tischplatte könnte man über die seitlichen Kanthölzer mit diesem Scheren-Kurbel-Aus- und-Einfahrmechanismus, dessen genaue Bezeichnung ich nicht kenne, verbinden. Vielleicht kann man zur besseren Stabilität weiter unten noch eine Ablageplatte anbringen, auf die man dann diese schicken Körbe stellt. Hat jemand so was schon mal gebaut und wisst ihr, wo man dieses Kurbelgestell kaufen kann?